BUND-Kreisgruppe Wesel

Grundrecht auf Grünes

große Linde auf Vorplatz Moerser Schloss Ob die Linde neben Kurfürstin Luise in Zukunft noch genug Wasser bekommt, ist bei dem Maß der Flächenversiegelung fraglich. (© OG M/N-V)

Der Klimawandel macht auch vor dem städtischen Grün nicht halt. Hiermit verbundene Hitze, Dürre, Sturm und Starkregen setzen besondere Bedingungen, unter denen der Erhalt und die Schaffung von Grünflächen in der Stadt zu denken ist. Dabei kommt den Bäumen eine ganz besondere Bedeutung zu: Sie schaffen ein Mikroklima z. B. durch Beschattung der Innenstädte und sorgen so für Lebensqualität im urbanen Raum.
ABER: Stadtbäume werden von unseren Kommunen oft stiefmütterlich behandelt. Sie werden zu ungeeigneten Standortbedingungen gepflanzt, ihr Erhalt hat bei der Planung von Baumaßnahmen wenig Priorität und auf Baustellen wird der Schutz von Bäumen hintangestellt. Und oft fehlt es am berühmten „Blick über den Tellerrand“: Was ein Hochbauamt plant und umsetzt, erscheint mit Blick auf die Schaffung von wertvollem Stadtgrün oft nicht abgestimmt mit dem Tiefbau. Was nützt es, wenn auf der einen Seite bei der Stadtplanung Bäume vorgesehen werden, die dann auf der anderen Seite durch Kanalbauarbeiten oder Leitungsverlegungen entweder keine guten Entwicklungsbedingungen vorfinden oder gar geschädigt werden? Am Ende findet sich ein kümmerndes Stadtbäumchen in Einzelhaft und bei denkbar schlechtester Ernährung.

Baumspaziergang in Moers

Zukunftsbäume statt Architektenpetersilie – Exkursion des BUND Moers/Neukirchen-Vluyn zu Stadtbäumen

Wie können wir die Bäume in unserer Stadt schützen und uns wirksam für eine zukunftsfähige Stadtplanung einsetzen? Mit dieser Frage trafen sich am Samstag, dem 25.09.2021 auf Einladung der Ortsgruppe Moers/Neukirchen-Vluyn 14 Aktive des BUND. An einem Rundgang durch Moers unter der fachlichen Leitung von Förster Norbert Bösken haben auch Freund:innen der Kreisgruppen Wesel und Duisburg sowie Kerstin Schnücker, Referentin für Stadtnaturschutz des Landesverbandes NRW teilgenommen.
Wir danken Norbert Bösken für die kurzweilige Vermittlung seines umfangreichen  Wissens, die vielen hilfreichen Tipps für den Schutz unserer Stadtbäume und Roland Schellscheid für die Organisation.
Text: Kerstin Schnücker, Michael Zerkübel. Alle Zitate: Norbert Bösken.

 

kleines Bäumchen in unzureichender Wurzelscheibe Architektenpetersilie – nett gemeint, aber gute Lebensbedingungen für einen Stadtbaum sehen anders aus ... Wie soll sich dieses Bäumchen bei dieser Wurzelscheibe ernähren? (© OG M/N-V)

Stadtbäume werden mit ihrer Fähigkeit Schatten zu spenden, Schadstoffe zu filtern, Niederschläge zurück zu halten und die Luft zu kühlen immer wichtiger.
So sieht das auch unser Referent Norbert Bösken. Der gebürtige Moerser zeigt den Teilnehmenden der Exkursion anhand verschiedener Beispiele, welche Fehler im Umgang mit Stadtbäumen gemacht werden, aber auch, welche technischen und rechtlichen Möglichkeiten es gibt, den Baumbestand einer Kommune nachhaltig zu erhalten. So lasse sich beispielsweise über das Grundrecht auf Eigentum und körperliche Unversehrtheit herleiten, dass Bauplanung nicht klimaschädlich sein darf. „Das muss jetzt nur noch in den Köpfen der Beteiligten ankommen.“

Oft werden Stadtbäume an Standorten mit zu wenig Platz für die Wurzeln und falschem Substrat gepflanzt. Dem Baum bleibt dann nichts anderes übrig, als seine Wurzeln durch das Pflaster zu schieben. Dabei könnte jede Wohnstraße so gestaltet werden, dass der Unterbau durchwurzelbar ist, also weder umliegende Bodenbeläge, Leitungen oder Gebäude noch der Baum Schaden nehmen.
Ein solches Vorgehen „gemäß Stand der Technik“ unterbleibt zu oft, der Blick in die entsprechenden DIN-Normen und die anschließende Kontrolle während und nach Abschluss der ausgeführten Arbeiten findet scheinbar nicht statt. Als Grund werden seitens der Planenden oft die Kosten angeführt. Ein Argument, das laut Bösken zu kurz gedacht ist, da bei schlechter Versorgung der Bäume langfristig mehr Kosten durch Pflege- und Baumaßnahmen anfallen: „Klimaanpassung kostet Geld, aber unsinnige Baumpflege kostet auch Geld und ist verstandslos.“

Stadt neu denken

Gruppe BUND-Mitglieder bei Exkursion auf dem Wall in Moers Die Wasserversorgung dieser Bäume aus dem Stadtgraben ist sicher – noch! Wie sieht es in 20 Jahren aus? Führt der Stadtgraben dann noch Wasser? Es wird nicht ausreichen, die Bäume mit Wassersäcken zu tränken, wenn Wasser absehbar zu einem knappen Gut wird. (© OG M/N-V)

Den Baumbestand der ehemaligen Stadtbefestigung und des Schlossparks in Moers führt Bösken als Positivbeispiel für standortgerechte Planung und Bepflanzung an. Allerdings braucht es auch hier neue Lösungen, damit die Anlage in 15 - 20 Jahren noch genug Wasser zur Verfügung habe. Hier bleibt nur die Speicherung des Niederschlagswassers der Starkregenereignisse durch die Umgestaltung der Städte zu „Schwammstädten“. Dafür müssen Stadtbäume mit dem entsprechenden unterirdischen Raum zum Rückhalt des Wassers geplant werden und nicht nur als „Architektenpetersilie“ kurzfristig die Oberflächen zieren. Linden und Eichen sind dabei als Stadtbäume durchaus zukunftsfähig. „Man braucht hier nicht unbedingt Hungerkünstler, sondern die entsprechende Technik.“

Spannend ist auch der Hinweis, dass es sich einerseits oft lohnt, Baumbestand zu erhalten – gerade alte Bäume mit entsprechender Ausstrahlung ihrer großen Krone bieten ja nicht nur einen ästhetischen Eindruck, der das Stadtbild aufwertet, sondern leisten auch einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung des Mikroklimas. Andererseits muss die Stadtvegetation angesichts des Klimawandels aber auch die Chance bekommen, sich genetisch den veränderten Bedingungen anzupassen. Es gilt also auch, eine lebendige Verjüngung und Erneuerung zu ermöglichen, damit sich die Anpassungsfähigkeit der Natur an veränderte Umweltbedingungen entfalten kann.

Gruppe Menschen auf Schlossplatz in Moers Gerade für ein paar Millionen frisch in Moers verb(s)aut: Vollversiegelte Fläche, die man in Hitzeperioden kaum noch betreten kann. (© OG M/N-V)

Um den besonderen Charme einer historischen Innenstadt, wie Moers sie hat, zu schützen, rät Bösken von der Pflanzung neuer Bäume hier ab. Allerdings heizt sich die Stadt durch die Versiegelung und den Mangel an Grün so stark auf, dass es zu gravierenden Temperaturunterschieden zwischen Stadt und Umland kommt. „In Essen sind das 8,6 Grad. Das entscheidet über Schlafen und Nicht-Schlafen.“ Stadt und Stadtplanung müssen an solchen Orten daher neu gedacht werden: Durch Dach- und Fassadenbegrünung und unterirdische Speicher für Niederschlagswasser kann die Stadtstruktur erhalten, die Stadt aber dennoch gekühlt werden.

Bauliche Maßnahmen – unbedacht und schelmenhaft

Trompetenbaum mit freiliegenden Wurzeln auf Baustelle Ev. Stadtkirche Moers. Hier steht die Sicherung wichtiger archäologische Funde im Konflikt mit dem Baumschutz. Die Ausgrabungen haben nicht nur mittelalterliches Mauerwerk zu Tage gefördert, sondern auch gleich die Wurzeln des Trompetenbaums. Der hat nun schwer um sein Überleben zu kämpfen. Dabei kann man das eine tun (Archäologie), ohne das andere zu lassen (Baumschutz). (© OG M/N-V)

Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf Bäume an Baustellen: Der Trompetenbaum an der Baustelle neben der ev. Stadtkirche leidet zum Zeitpunkt unserer Exkursion unter Trockenheit, da seine Wurzeln frei liegen. Aber auch hier ermutigt Bösken, sich für einen fachgerechten Umgang mit Bäumen auf Baustellen einzusetzen. Hilfreich sei es, bereits in der Planungsphase eine Simulation der Klimawirksamkeit von Maßnahmen unter Berücksichtigung des Baumbestandes einzufordern. Inzwischen sei die rechtliche Grundlage geschaffen, Stadtbäume wegen ihrer Bedeutung für Klimaanpassung und Katastrophenvorsorge zu schützen. „Das Klimaschutzgesetz ist gar nicht mal so schlecht.“

Und in den Kommunen, die eine Baumschutzsatzung haben, gibt es für Umweltschützer:innen auch einen wirkungsvollen Hebel zur Durchsetzung des Grundrechts auf Grün.