Friedhöfe sind nicht nur Ort der Trauer, sondern auch Begegnungsstätte, Raum für Erinnerungen und Dokument unserer Kultur. Aber nicht nur für uns Menschen sind sie von Bedeutung, denn Pflanzen und Tiere finden hier einen wertvollen Lebensraum. Als grüne Oasen inmitten der Stadt sind Friedhöfe Inseln der Biodiversität. Dichte Hecken, Altbäume, Beete und Grabflächen bilden ein kleinräumig vernetztes Mosaik. Die Artenvielfalt auf Friedhöfen ist uns meist nicht bewusst. Wir nehmen zwar uns bekannte Vogelarten wie Amseln, Sperlinge oder Rotkehlchen wahr – die Vielfalt der Insekten bleibt uns dagegen meist verborgen. Doch in Zeiten des Insektensterbens werden Friedhöfe immer wichtiger für Schmetterlinge, Schwebfliegen, Ameisen, Wildbienen und Co.
Bei der Grabgestaltung kommen jedoch sehr häufig hybride Zierpflanzen ohne Pollen und Nektar zum Einsatz ( hybrid = durch Kreuzung von Eltern verschiedener Arten entstanden). Diese oft pestizidhaltigen Pflanzenzüchtungen, die man beispielsweise in Gärtnereien oder Baumärkten erwerben kann, besitzen zwar meist große, dekorative Blüten. Den heimischen Insekten bieten sie aber kaum Nahrung und dienen somit ausschließlich zur Zierde.
Eine naturnahe Grabgestaltung kann aus einer Bepflanzung mit einzelnen Gehölzen und Sträuchern oder auch aus flächendeckenden Stauden und Bodendeckern bestehen, die Lebensraum für Insekten, Vögel und Kleintiere bieten.
Durch die Pflanzenauswahl aus hauptsächlich heimischen und standortgerechten Pflanzen können Gräber insektenfreundlich, nachhaltig und genauso ansprechend gestaltet werden. Pflegeleichte mehrjährige Stauden und Zwiebelgewächse sind dabei gute Alternativen zu saisonal wechselnder Bepflanzung. Pflanzen mit einer langen und zeitlich unterschiedlichen Blühdauer lassen das Grab über viele Wochen und Monate ansehnlich aussehen und liefern gleichzeitig Nahrung für Insekten.
Update April 2025
Der Beinwell steht in voller Blüte und ist eine willkommene Nahrungsquelle für Hummeln und andere Wildbienen
(Foto: R.Großefeste)
Es ist Frühling, alles sprießt und blüht - und die Kaninchen haben sich den Winter über anscheinend woanders ernährt. Glück für uns und unsere drei Versuchs-"Beete". Fast alles treibt trotz der Trockenheit der letzten Wochen wieder aus, im Fall der Walderdbeeren sogar so stark, dass wir recht viel herausnehmen müssen. Und jetzt im Frühling ist die passende Zeit, die noch fehlenden Frühblüher und auch Ersatz-Schafgarbe zu pflanzen.
Der Großteil des Laubes, das wir im Herbst auf den Gräbern liegen gelassen hatten, ist bereits verrottet und gibt seine Nährstoffe wieder in den Kreislauf zurück. Und im Schutz des noch verbleibenden Laubes können sich die austreibenden Pflanzen besser entwickeln.
Zwischenstand Oktober 2024
Die Walderdbeeren haben sich stark ausgebreitet - für den Winter ist das ein guter Bodendecker
(Foto:R.Großefeste)
Inzwischen ist es Oktober geworden und die mehrjährigen Pflanzen und Stauden haben sich gut entwickelt. Vor allem die Walderdbeeren auf dem mittleren Blüten-Grab haben sich ziemlich ausgebreitet. Aber die Beete werden leider auch von den Kaninchen „mitgestaltet“. Das ein oder andere wurde ziemlich abgefressen, am liebsten scheinen sie die Knäuel-Glockenblume, die Schafgarbe und die Berg-Flockenblume zu mögen. Hier wollen wir den Winter abwarten und gegebenenfalls im nächsten Frühjahr nachpflanzen. Bereits jetzt, und ebenfalls im kommenden frühen Frühjahr werden wir auch die Frühblüher setzen (Schlüsselblume sowie Schneeglöckchen und Narzissen). Aus Erfahrung wissen wir, dass Krokus und Traubenhyazinthe leider keine Chance gegen die Kaninchen haben.
Die eine oder der andere meint vielleicht, dass die Beete momentan etwas „unordentlich“ aussehen – wir lassen aber bewusst das Laub und die abgeblühten Blütenstände (z. B. Von Johanniskraut und Blutweiderich) stehen – das ist willkommene Nahrung für Vögel. Das Laub bietet Unterschlupf für Insekten wie Larven und Käfer. Laub ist zudem Frostschutz und eine Mulchschicht, die dem Boden und den Bodenlebewesen Nährstoffe bietet. Im Artikel "Herbstzeit: Wertvolles Laub" finden sich noch mehr Argumente dafür, das "unordentliche" Laub nicht in Abfallsäcken zu verschwenden.
In allen drei Blüten-Gräbern haben wir auch einige „Gäste“ stehen lassen. Hier finden sich Rosetten der zweijährigen Nacht- und Königskerzen, von denen wir hoffen, dass sie vielleicht im Winter von den Kaninchen bevorzugt gefressen werden – und sie dann unsere eigentliche Anpflanzung ein wenig mehr in Ruhe lassen.
Bisher sind wir jedenfalls sehr zufrieden mit der Entwicklung, vor allem auch dank des Engagements der Gieß- und Jätgruppe.
Nicht mehr genutzter Randbereich mit erhaltenswerten Grabsteinen nahe des Haupteingangs
(Foto: R.Großefeste)
Ein paar Pflanzen fehlen noch, aber die kahlen Stellen werden bald nachbepflanzt.
(Foto:R.Großefeste)
Alles eingepflanzt - jetzt müssen die Pflanzen nur noch gut anwachsen und sich ausbreiten.
(Foto:R.Großefeste)
Die kahlen Stellen werden erst einmal mit Ringelblumensaat eingesät - das Holz gehört als Naturmaterial und als Dekoration auch dazu
(Foto:R.Großefeste)
Die Walderdbeeren haben sich stark ausgebreitet - für den Winter ist das ein guter Bodendecker
(Foto:R.Großefeste)
der kriechende Günsel ist sehr gut gewachsen, weiter hinten ist der Fingerhut zu sehen, das Laub dazwischen bietet Insekten Unterschlupf
(Foto: R.Großefeste)
die kahlen Stellen wurden von den Kaninchen "gestaltet" - das Laub schützt den Boden im Winter
(Foto: R. Großefeste)
Das Projekt Blüten-Gräber
Davon ausgehend haben die BUND-Ortsgruppe und der VHS-Biogarten Moers mit der Abteilung Grünflächen und Friedhöfe der ENNI Kontakt aufgenommen, die gegenüber unserer Idee einer ökologisch wertvollen Grabbepflanzung sehr aufgeschlossen waren. Schnell wurden wir uns einig, dass der Friedhof Klever Straße sich gut für ein erstes Projekt eignet, da er innenstadtnah und auch mit dem ÖPNV sehr gut erreichbar ist. Zudem gibt es hier einen nicht mehr genutzten Randbereich mit erhaltenswerten Grabsteinen nahe des Haupteingangs.
Der Plan ist, zwei Einzelgräber und ein Doppelgrab als Biodiversitäts-Gräber anzulegen. Die Gräber befinden sich im halbschattigen Bereich des Friedhofs mit Sonneneinstrahlung am Vormittag bis um die Mittagszeit und teilweiser Abendsonne.
Von der ENNI werden Vorarbeiten wie Entfernung der Grasnarbe und Auskofferung, ggf. mit Wurzelentfernung geleistet. Nutzbare Erde und altes vorhandenes Natursteinmaterial für die Einfassungen ist ebenfalls vor Ort vorhanden und wird von der ENNI kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Die VHS Biogartengruppe, die BUND-Ortsgruppe sowie interessierte Imker*innen übernehmen die Beschaffung der Pflanzen, die Pflanzaktion selbst sowie die regelmäßige Pflege. Einen Teil der Pflanzen konnten wir aus dem Fundus der eigenen Gärten und über die Biogarten-Pflanzentauschbörse sammeln, einen weiteren Teil haben wir bei der Staudengärtnerei Diamant in Duisburg Rumeln-Kaldenhausen gefunden (eine wahre Fundgrube auch für besondere Stauden).
Wir beginnen im Mai 2024 sukzessive mit den Pflanzarbeiten. Für die Frühblüher ist es in diesem Jahr bereits zu spät, und auch die Sommerblüher sind teilweise bereits zu weit im Wachstum, um sie jetzt noch zu verpflanzen. Daher werden ersatzweise auch Blühmischungen und Ringelblumensaat ausgebracht, damit keine Flächen ohne Bedeckung bleiben.
Für die Beetkonzepte nutzen wir die "Ideen und Anregungen für eine wildbienenfreundliche Grabgestaltung" des BUND Niedersachsen, die wir für unsere Bedürfnisse etwas abwandeln. Konkret haben wir uns für die Beetkonzepte "Heilpflanzen", "Waldfrieden" und "Kreislauf des Lebens" entschieden.
Heilpflanzen
Musterbepflanzung "Heilpflanzen"
Für das Beetkonzept werden Wildstauden verwendet, die besonders häufig in der Heilkräuterkunde Verwendung finden. Ausgewählt wurden Pflanzen, die im Halbschatten wachsen:
Gemeiner Beinwell (Symphytum officinale), Gänse-Fingerkraut (Potentilla anserina), Wilde Möhre (Daucus carrota), Blauer Eisenhut (Aconitum napellus), Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium), Ruhr-Flohkraut (Pulicaria dysenterica), Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum), Heilziest (Stachys officinalis)
Waldfrieden
Musterbepflanzung "Waldfrieden"
Die Zusammensetzung der Pflanzen erinnert an einen Waldrand. Im Vordergrund finden sich niedrige Arten wie die Wald-Erdbeere, im hinteren Bereich wachsen Taubnessel, Blutweiderich und Baldrian in die Höhe. Bei den Pflanzenarten handelt es sich größtenteils um krautige Waldarten, daher bietet sich dieses Pflanzkonzept für Gräber an, die im schattig-feuchten Bereich eines Friedhofes liegen:
Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum), Wald-Erdbeere (Fragaria vesca), Echter Baldrian (Valeriana officinalis), Gewöhnlicher Blutweiderich (Lythrum salicaria), Berg-Flockenblume (Centaurea montana), Wald-Ziest (Stachys sylvatica), rote Taubnessel (Lamium purpureum)
Kreislauf des Lebens
Musterbepflanzung "Kreislauf des Lebens"
Das Konzept setzt sich mit der Symbolik des jahreszeitlichen Kreislaufes und dem Lebenskreislauf auseinander. Auf dem Grabfeld befindet sich ein großer Kreis, der in vier Viertel untergliedert ist. Jeweils ein Feld steht für Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Entsprechend werden die Pflanzen eingepflanzt (je Feld zwei Pflanzenarten), die zur jeweiligen Jahreszeit blühen:
Kriechender Günsel (Ajuga reptans), Echte Schlüsselblume (Primula veris), Wiesen-Salbei (Salvia pratensis), Wiesen-Margerite (Leucanthemum vulgare), Gewöhnlicher Natternkopf (chium vulgare), Knäuel-Glockenblume (Campanula glomerata), Wegwarte (Cichorium intybus), Gewöhnliche Schafgarbe (Achillea millefolium), Purpurroter Fingerhut (Digitalis purpurea)