BUND-Kreisgruppe Wesel

Der Wolf im Kreis Wesel - Ein Update

Der Wolf im Kreis Wesel - Update April 2022

Wolf (Canis lupus) Wolf (Canis lupus)  (© Christel Sagniez /Pixabay)

Der Wolf ist zurück in NRW, nicht nur im Kreis Wesel. Worüber sich viele Naturschützer freuen – die Besitzer von Weidetieren sahen und sehen sich durch die Ansiedlung des großen Beutegreifers vor neue Herausforderungen gestellt. Seit Wölfin Gloria vor ca. vier Jahren im Gebiet des Hünxer Waldes und der Schwarzen Heide heimisch wurde, haben sowohl Naturschützer als auch Weidetierhalter dazugelernt und wissen besser mit der neuen Situation umzugehen, Politiker und Mitarbeiter der Verwaltung haben sich den neuen Herausforderungen gestellt und einiges in die Wege geleitet, aber noch ist nicht alles zum Besten bestellt. Insbesondere was die Förderung kosten- und arbeitsintensiver Maßnahmen im Herdenschutz angeht.

Herdenschutz ist das oberste Gebot

Wölfe müssen lernen, dass die "Jagd" auf Weidetiere nicht nur mit enormen Energieaufwand verbunden ist, sondern Weidetiere auch "Aua" (Elektrifizierung) machen. Ein Stromschlag auf die Schnauze tut weh. Die Verhaltensbiologie lehrt uns:  Wölfe - wie andere Wildtiere auch - vermeiden jegliche übermäßige Energieverschwendung. Als Nahrungsopportunisten nehmen Wölfe nur das, was relativ leicht zu haben ist. Wichtig ist deshalb ein PRÄVENTIVER und FLÄCHENDECKENDER Herdenschutz. 
Dieser Herdenschutz ist zumutbar - auch mit Mehraufwand (Schutz der Tiere ist Pflicht der Tierhalter). Da die Rückkehr der Wölfe von der Gesellschaft gewünscht wird, sollten die Weidetierhalter bei der Realisierung und Durchführung von Herdenschutznahmen unterstützt werden, was noch nicht in ausreichendem geschieht.
Daraus ergibt sich die Forderung nach einem Wolfsmanagement, das Präventionen von Wolfsübergriffen auf Weidetiere durch Verbesserungen der Hilfen für die Tierhalter sowie klare Regeln im Zusammenleben von Wolf, Mensch und Weidetier formuliert. Bioland Landesverband NRW e.V. & Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) Landesverband NRW e.V haben dazu ein gemeinsames Positionspaier formuliert:
"Der Wolf und die Weidewirtschaft – ein angepasstes Wolfsmanagement für Nordrhein-Westfalen".

Wolfsabweisende Zäune

Das wichtigste Element des Herdenschutzes sind wolfsabweisende Zäune. Berufsschäfer in Wolfsgebieten können mit mobilen Elektro-Weidenetzen (empfohlene Höhe: 120 cm) bei gleichzeitigem Einsatz von gut ausgebildeten Herdenschutzhunden Wolfsübergriffe auf ihre Herden effektiv unterbinden. Werden mobile Weidenetze ohne Herdenschutzhunde eingesetzt, besteht die Gefahr, dass die Netze wetterbedingt (starker Wind) kippen, bzw. Wölfe die Schafe in Panik versetzen und diese das Weidenetz umrennen. Der Wolf hat dann freie Bahn.
Ohne den gleichzeitigen Einsatz von Herdenschutzhunden haben sich 5-Litzen-Festzäune bewährt. Bei diesen Zäunen verlaufen Elektrolitzen in den Höhen 20cm, 40cm, 60cm, 90cm und 120cm vom Boden.
Besonders wichtig ist die Einhaltung des unteren Bodenabstandes von 20cm. Wölfe sind vorsichtig und untersuchen zunächst Hindernisse darauf, wie sie sie am besten überwinden können. Dabei ließ sich immer wieder beobachten, dass sie als Allererstes versuchen, unter den Zäunen durchzuschlüpfen. Nach negativen Erfahrungen mit einem Elektrozaun, meiden Wölfe diese Orte. Fachgerecht verbaute Elektrozäune sind also das Mittel der Wahl, um Weidetiere zu schützen:

Ohne Strom läuft gar nichts

Um Wölfe am Überwinden dieser Zäune – aber auch mobiler Elektronetze – zu hindern, ist es nicht nur wichtig, dass ausreichend Spannung anliegt, sondern dass bei Tierkontakt genug Strom fließt, um dem Wolf einen Denkzettel zu verpassen. Das wird durch eine korrekte Erdung erreicht, die wiederum abhängig von den Bodenverhältnissen ist. Ein trockener Boden erdet schlechter als ein durchfeuchteter Boden, da Wasser Strom gut leitet. Elektrozäune erfordern vermehrten Pflegeaufwand, da die Litzen von Bewuchs freigehalten werden müssen. Andernfalls wird der Stromfluss vermindert, blockiert. Deshalb sollte bei der Zaunkontrolle auch immer wieder kontrolliert werden, dass bei Tierkontakt ausreichend Strom fließt, wofür es spezielle Messgeräte gibt.
Video eines Workshops zum Thema von Herdenschutz Niedersachsen/Firma Patura

Spezialfall Gatterwild

Bei Zäunen aus Knotengeflecht für Gatterwild wird noch oft ein Untergrabeschutz (das Knotengeflecht wird in den Boden eingelassen und im rechten Winkel ca. ein Meter vor dem Zaun im Boden verlegt) propagiert. Der Untergrabeschutz ist aufwändig zu realisieren, es wird viel Boden aufgebrochen und Vegetation zerstört, was besonders in Naturschutzgebieten von Nachteil ist. Wölfe sind durchaus in der Lage den Zaun anzuspringen und sich über den Maschendrahtzaun zu hangeln. Eine Elektrolitze ca. 15 cm vor dem Zaun in 20 cm Höhe und eine weitere am oberen Zaunende sorgt für zusätzliche Sicherheit. Siehe dazu:
Flyer zum Schutz von Gatterwild von Herdenschutz Niedersachsen

Herdenschutz auf Deichen und an Flussläufen

Auch im Bereich von Deichen und Flussläufen gibt es intelligente Lösungen, wie das in Niedersachsen im Projektgebiet von Herdenschutz Niedersachsen gedrehte Video (ca. 10 Minuten) »Herdenschutz am Deich – Erfahrungen aus der Praxis « zeigt.
Der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) beschäftigte sich in seinem Workshop "Draußenbleiben! Wolfsabweisende Zäunung von Gräben und Bächen" wie Weiden mit Bachläufen gesichert werden können..

Kommt demnächst Künstliche Intelligenz zum Einsatz?

Die Justus Liebig Universität Gießen (Verhaltensbiologie) und die Universität Bremen (KI) arbeiten zusammen an einer wolfsabweisenden Zaunlösung, die Künstliche Intelligenz (KI) einsetzt. Es werden optische, akustische und auf Radar basierende Sensoren eingesetzt, um eine Annäherung von Wölfen an den Zaun zu erkennen. Die Wissenschaftler greifen dabei auf bereits vorhandene Technik zurück, die aber auf die Situation „Wölfe nähern sich einer eingezäunten Herde Weidetiere“ angepasst werden muss. Wird die Annäherung eines Wolfes an den Weidezaun erkannt, werden Aktuatoren eingeschaltet, die eine Vergrämung des Wolfes einleiten und dazu mit unterschiedlichen akustischen, optischen und olfaktorischen Reizen arbeiten. Die Reize sollen variiert werden können, so dass beim Wolf  keine Gewöhnung an eine bestimmte Weidezaunsituation eintritt.
Mehr Informationen hierzu: Modularer, autonomer und intelligenter Weide(schutz)zaun zur Erkennung und Vergrämung von Prädatoren.

Verzaunen wir mit Herdenschutzmaßnahmen nicht die Landschaft?

Eine häufig vorgebrachte Kritik und ein vorgeschobener Grund, sog. "wolfsfreie Gebiete" zu fordern. Was ist dran?

Wolfsfreie Gebiete wird es nicht geben, es sei denn der Wolf selbst entscheidet, dass ein Gebiet nicht als Wolfsrevier taugt. Gebiete, die für den Wolf Lebensraum bieten, werden besiedelt und könnten nur durch eine gezielte und gesetzteswidrige Bejagung wolfsfrei gehalten werden.
Weidetiere müssen geschützt werden, dazu sind Tierhalter verpflichtet, und zum Schutz der Tiere muss ein Zaun errichtet werden, wenn keine aktive Behirtung geleistet wird, was kaum noch der Fall ist.

Wird der Wildwechsel behindert?

Häufig wird argumentiert, dass Zäune, die Wölfe abhalten, Wildwechsel zerschneiden.
Das ist nicht der Fall. Mobile Weidenetze werden nur temporär aufgestellt Die 5-Litzen-Elektrozäune können von Hirschen übersprungen werden,  kleinere Tiere (Hase, Igel etc.)  können unter der unteren Litze durchkriechen und Rehe queren die Zäune in der Höhe der 1 und 2 Litze, wie ein kleiner Videoclip von Peter Schütte/Herdenschutz Niedersachsen zeigt. Er hat sogar beobachtet, dass Rehe mittlerweile ihre Kitze auf den von ihm und seinem Projekt gezäunten Weiden ablegen.
Bleiben nur die Knotengeflecht-Zäune für Gatterwild, aber die gab es immer schon.
Und: Moderne 5-Litzen-Elektrozäune sind optisch bestimmt windschiefen, morschen Stacheldrahtzäunen, wie sie immer noch am Niederrhein zu finden sind, letztendlich vorzuziehen.

 

 

 

Aktuelle Termine


Online-Schulung des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL):

Elektrozaun erden - so geht's!,
Di., 12.07.2022,
16:00 Uhr - 18:00 Uhr

Link zur Anmeldung, hier klicken

Diverse Schulungsvideos zu bereits erfolgten Veranstaltungen des DVL


Info-Stand zum Thema Wildkatze, Luchs und Wolf

Infostand des BUND zum Thema Wildkatze und Wolf Infostand des BUND zum Thema Wildkatze und Wolf  (© Stefan Eschweiler)

Wildpark Reuschenberg bei Leverkusen,
Am Reuschenberger Busch 6
51373 Leverkusen
Sonntag, 04. September 2022, 10:00 Uhr  - 18:00 Uhr
Infostand mit Wildkatzen-Botschafter Bodo Schmitz und BUND-Mitglied Stefan Eschweiler, im BUND Aachen-Land der Ansprechpartner für Wildkatze, Luchs und Wolf.


Welche Bedeutung haben Wölfe für Biodiversität und Ökosysteme?

Wolfswelpen Wolfswelpen  (© Uwe Tichelmann)

Generell wird davon ausgegangen, dass mit der Rückkehr des Wolfes die Artenvielfalt auf Dauer zunehmen wird. Warum?

  • Wölfe sorgen dafür, dass die Populationen ihrer Beutetiere gesund bleiben, da sie meist schwache Tiere – seien sie alt, verletzt oder krank – erbeuten. Infizierte Tiere haben weniger Zeit, andere Tiere anzustecken.
  • Durch ihre Anwesenheit halten Wölfe das (Huf-)Wild stärker in Bewegung, die Nahrung wird weitflächiger genutzt, und die Vegetation hat Zeit nachzuwachsen. Dieser Effekt hat im Yellowstone Park nach Wiedereinführung der Wölfe das Ökosystem erheblich und zwar positiv verändert.
  • Ein menschlicher Jäger entnimmt ein erlegtes Tier komplett dem Ökosystem. Der Wolf frisst meist nicht seine gesamte Beute auf einmal. Übrig gelassene Kadaver bedeuten für viele Aasfresser eine wichtige Nahrungsquelle. Destruenten (Bakterien, Pilze, Würmer, Käfer) zersetzen das restliche Aas. Mit ihrer Hilfe wird aus dem toten Material nährstoffreiche Erde, die Grundlage für neues Pflanzenwachstum ist. Schmeißfliegen legen ihre Eier in die Kadaver toter Tiere, die Maden schlüpfen bereits nach ein bis zwei Tagen und sind Nahrungsquelle auch für insektenfressende Vögel (z.B. Wiedehopf, Neuntöter).
  • Mit der Anwesenheit des Wolfes wird das Nahrungsnetz grösser, da die Nutznießer (Tiere als auch Pflanzen) wiederum eine Nahrungsgrundlage für andere Tiere darstellen. Insgesamt profitieren auf diese Weise Lebensgemeinschaften von Bakterien, Weichtieren, Insekten, Vögeln bis hin zu Säugetieren.
  • Wölfe kontrollieren effektiv die Dichte der sogenannten Mesoprädatoren. Das sind Beutegreifer, die kleinere Tiere erbeuten, aber selber Opfer größerer Beutegreifer werden können. Bei uns gehört der Rotfuchs dazu; er hilft einserseits, die Mäusepopulation in Grenzen zu halten,  andererseits erbeutet er Vögel und Eidechsen und verschmäht auch keine Vogeleier (Bodenbrüter).