Weizen ist für viele Menschen ein Grundnahrungsmittel. Ob Brot oder Nudeln, das Getreide findet in viele Lebensmittel des täglichen Bedarfs Eingang. Für die Saatgutindustrie ist Weizen aber so etwas wie ein Stiefkind. Hugh Grant, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Agrokonzerns Monsanto, nannte Weizen im vergangenen Jahr den „armen Cousin“ von Mais und Soja, wenn es um Forschung und Entwicklung in der Industrie geht. Saatgutkonzerne wie Monsanto investieren viel Geld, um Pflanzen wie Mais, Soja, Baumwolle und Raps gentechnisch zu verändern, zum Beispiel mit dem Ziel, sie resistent gegen Pflanzenschutzmittel und Insektenbefall zu machen und die Erträge zu erhöhen. Beim Weizen halten sie sich aber zurück. Monsanto hat vor fünf Jahren die Entwicklung einer gentechnisch veränderten Weizensorte gestoppt.
Jetzt aber hat der Konzern eine Kehrtwende gemacht: Monsanto kündigte den Kauf eines kleinen amerikanischen Unternehmens mit dem Namen Westbred an, das auf die Arbeit mit dem genetischen Material von Weizen spezialisiert ist. Der Kaufpreis von 45 Millionen Dollar fällt in dem Konzern, der einen Jahresumsatz von mehr als 11 Milliarden Dollar hat, nicht allzu stark ins Gewicht. Gleichwohl könnte die Übernahme ein folgenreicher Schritt sein: Wenn Monsanto als dominierender Anbieter von gentechnisch verändertem Saatgut Weizen in sein Portfolio aufnimmt, dann rückt die Gentechnik ein gewaltiges Stück näher an die Nahrungsmittelversorgung der Verbraucher.
Selbst Amerika hat vor Weizen bislang Halt gemacht
Bei Pflanzen wie Mais, Soja und Baumwolle ist der Einsatz von Gentechnik gang und gäbe, jedenfalls in den Vereinigten Staaten. Diese Pflanzen werden vor allem als Tierfutter oder von der Textilindustrie eingesetzt, insofern finden sie nicht auf direktem Weg Eingang in die Nahrungskette von Menschen. Trotzdem gibt es Opposition genug, vor allem in Europa: In Deutschland hat Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner (CSU) im April den Anbau der genmanipulierten Maissorte „Mon 810“ verboten. Die Ministerin sorgte sich um mögliche Schäden, die der Genmais in der Umwelt anrichten könnte, etwa einer Gefährdung von Marienkäfern oder anderen Tieren. Mon 810 ist die bislang einzige gentechnisch veränderte Pflanze, die in Deutschland kommerziell angebaut worden ist. In Amerika ist dagegen der größte Teil des Saatguts bei Pflanzen wie Mais, Soja oder Baumwolle genmodifiziert.
Ganz anders ist dies bei Weizen. Bislang wird nirgendwo in der Welt gentechnisch veränderter Weizen vermarktet. Die Agrokonzerne haben das Getreide freilich nicht ignoriert: So hat Monsanto einige Jahre an der Entwicklung einer Weizensorte gearbeitet, die gegen ein unternehmenseigenes Unkrautvernichtungsmittel resistent ist. Im Jahr 2004 kam dann aber der abrupte Rückzug aus dem Geschäft. Monsanto kündigte damals an, sich lieber auf andere Pflanzen wie Mais konzentrieren zu wollen. Begründet wurde der Schritt unter anderem damit, dass die Anbaufläche für Weizen in Nordamerika im Gegensatz zu anderen Pflanzen kontinuierlich zurückgegangen ist. Beobachter sahen den Schritt aber vor allem als Zugeständnis von Monsanto, dass die Opposition gegen gentechnisch veränderten Weizen im Vergleich zu anderen Pflanzen zu groß ist.
Höhere Erträge, resistent gegen Dürre
An dem Widerstand hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert. Erst vor wenigen Wochen gab eine Gruppe von Verbraucherschutzorganisationen aus den Vereinigten Staaten und anderen Ländern eine Mitteilung heraus und erinnerte dabei speziell Monsanto an die ablehnende Haltung gegenüber Genweizen. „Die Menschen wollen keine Gentechnik in ihrem Brot“, hieß es in der Mitteilung. Die Gegner haben Monsanto aber nicht davon abgehalten, jetzt nur kurz danach eine neue Initiative mit Genweizen zu ergreifen. Dabei ist Monsanto nicht allein: Im Juni hat die Agrosparte des amerikanischen Chemiekonzerns Dow Chemical eine Kooperation mit einem kleinen Genweizenspezialisten angekündigt.
Für Monsanto steht im Weizengeschäft nach eigener Aussage im Gegensatz zu früher nicht mehr die Entwicklung einer Sorte im Vordergrund, die gegen Pflanzenschutzmittel resistent ist. Vielmehr will das Unternehmen vor allem an Weizen arbeiten, der höhere Erträge bringt und besser gegen Dürre resistent ist.
Allerdings wird Genweizen wohl nicht in unmittelbarer Zukunft auf den Tellern von Verbrauchern landen. Nach Angaben von Monsanto wird es einige Jahre dauern, bis die Übernahme von Westbred zu marktreifen Produkten führt. Die Akquisition werde erst von Mitte bis Ende des nächsten Jahrzehnts einen positiven Beitrag zum Konzerngewinn leisten, hieß es.
Die Übernahme des Weizenspezialisten kommt zu einer Zeit, in der Monsanto sein strategisches Gewicht immer mehr von Pflanzenschutzmitteln zu Saatgut verlagert. Das Unternehmen leidet in seiner Pflanzenschutzsparte unter der Konkurrenz von billigeren Nachahmerprodukten und musste hier einen erheblichen Umsatzrückgang hinnehmen. Im Juni kündigte das Unternehmen den Abbau von 900 Stellen an.
Von Roland Lindner, New York
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
Quelle: FAZ.NET